Mount Desert Island hat nicht nur eine lange Geschichte, sondern auch jede Menge Geschichten, die sich irgendwann verselbstständigt haben. Zwischen alten Häusern, verlassenen Ruinen, dem Meer und den Wäldern des Acadia National Park haben sich über die Jahre zahlreiche Legenden entwickelt. Manche werden seit Generationen weitererzählt, andere sind deutlich jünger.
Nicht jede dieser Geschichten lässt sich historisch belegen. Einige beruhen auf mündlichen Überlieferungen, andere auf einzelnen Berichten oder späteren Veröffentlichungen. Gerade das macht sie für viele Einheimische und Besucher interessant: Man muss nicht unbedingt daran glauben, um die Geschichten zu kennen.
Wer in Bar Harbor aufgewachsen ist, kennt wahrscheinlich zumindest einige davon. Und je nachdem, wen man fragt, bekommt man zu derselben Geschichte manchmal eine erstaunlich unterschiedliche Version.
Mary Margaret von Ledgelawn
Eine der bekanntesten Geistergeschichten Bar Harbors dreht sich um Ledgelawn, ein historisches Anwesen an der Mount Desert Street. Die Geschichte erzählt von einer jungen Frau namens Mary Margaret, deren Verlobter kurz vor der Hochzeit verschwunden sein soll. Aus Verzweiflung habe sie ihr Hochzeitskleid angezogen und sich im dritten Stock des Hauses das Leben genommen.
Seitdem soll ihr Geist dort immer wieder gesehen worden sein - häufig als Frau in Weiß. Besonders bekannt ist die Erzählung von einem Zimmer im dritten Stock, in dem Gäste angeblich eine schwebende Gestalt oder einen sich bewegenden Schleier gesehen haben sollen. Auch von Lichtern, die sich scheinbar von selbst einschalten, und von einer dunklen Präsenz im oberen Stockwerk wird berichtet.
Die Geschichte wird seit Jahren auf Ghost Walks und in lokalen Erzählungen weitergegeben und findet sich auch in Marcus LiBrizzis Ghosts of Acadia. Gleichzeitig gibt es erhebliche historische Zweifel an den Details der Geschichte. Die Familien, die tatsächlich in Ledgelawn lebten, passen nicht zu vielen Einzelheiten der Legende. Wer Mary Margaret also wirklich gewesen sein soll, bleibt offen.
Compass Harbor und der Mann in Blau
Am Compass Harbor Nature Trail liegen die Überreste von Oldfarm, dem früheren Anwesen der Familie Dorr. Die Kombination aus alten Ruinen, dichtem Wald, verwilderten Wegen und der Nähe zum Wasser sorgt ohnehin für eine besondere Atmosphäre.
Der Legende nach soll sich dort der Geist eines dunkelhaarigen Mannes in blauer Kleidung zeigen. Er erscheint angeblich nie direkt vor einem Besucher, sondern nur für einen kurzen Moment am Rand des Blickfeldes. Besonders häufig soll die Erscheinung in der Nähe der alten Ruinen auftauchen.
Eine weitere Geschichte erzählt von einer jungen Frau, die bei Einbruch der Dämmerung über das ehemalige Gelände in Richtung Küste läuft. Erreicht sie das Wasser, soll sie schließlich verschwinden.
Mit den Geschichten rund um Compass Harbor verbinden sich außerdem reale Personen aus der Geschichte des Anwesens. George Dorr lebte auf Oldfarm und starb 1944 auf dem Gelände. Sein langjähriger Vertrauter und Pfleger John Rich soll ebenfalls Teil der späteren Erzählungen über den Ort geworden sein.
Die Geister des Reading Room
Der Reading Room im Bar Harbor Inn gehört zu den Orten, um die sich mehrere Geschichten ranken. Das Gebäude war ursprünglich Teil des gesellschaftlichen Lebens der wohlhabenden Sommergäste und wurde später zu einem Restaurant.
Die Erzählungen reichen von ehemaligen Seeleuten und Offizieren bis hin zu Gästen und Menschen, die mit der Geschichte des Ortes verbunden gewesen sein sollen. Manche Geschichten berichten von Stimmen, ungewöhnlichen Geräuschen oder einer Atmosphäre, die sich insbesondere in bestimmten Bereichen des historischen Gebäudes verändern soll.
Wie bei vielen Spukgeschichten Bar Harbors lässt sich nicht eindeutig sagen, wo historische Erinnerung endet und spätere Ausschmückung beginnt. Der Reading Room selbst ist jedoch tatsächlich ein historischer Ort und bis heute Teil des gesellschaftlichen Lebens von Bar Harbor.
Der Patchouli-Geist
Eine der ungewöhnlicheren Geschichten stammt aus den Erzählungen rund um den ehemaligen Bar Harbor Club. Der Legende nach soll dort eine Frau ermordet worden sein, deren Leiche anschließend verschwunden sei. Besonders auffällig an der Geschichte ist ein Detail: Ihr Parfüm soll noch lange nach ihrem Tod an dem Ort wahrgenommen worden sein.
Der Geruch wird dabei immer wieder mit Patchouli in Verbindung gebracht. Angeblich soll der Duft insbesondere im ehemaligen Sanitärbereich, in der Vanderbilt Lounge und in anderen Teilen des Gebäudes aufgetaucht sein.
Die Geschichte gilt ausdrücklich als unbestätigte Legende. Einen dokumentierten Mordfall, der die Erzählung bestätigen würde, gibt es nicht. Trotzdem gehört der Patchouli-Geist zu den Geschichten, die immer wieder im Zusammenhang mit dem ehemaligen Club auftauchen.
Der Mann, der im Bar Harbor Club erfror
Eine zweite Geschichte aus dem ehemaligen Bar Harbor Club erzählt von einem früheren Mitglied, das später alles verloren haben soll. Angeblich suchte der Mann irgendwann Schutz vor der Kälte in dem verlassenen Gebäude und erfror dort.
Seitdem soll in dem betreffenden Raum gelegentlich ein Licht brennen, obwohl niemand dort sein sollte. Manche Versionen der Geschichte berichten außerdem von einem Stöhnen oder dem Geräusch zerbrechenden Glases - eine Anspielung auf die Geschichte, nach der der Mann sich durch ein Fenster Zugang zum Gebäude verschafft haben soll.
Auch diese Geschichte ist nicht historisch belegt und gehört ausdrücklich zur lokalen Spuk-Erzählung rund um den ehemaligen Club.
Lichter über dem Wasser
Nicht alle Geschichten auf Mount Desert Island haben mit Geistern zu tun. Immer wieder wird auch von ungewöhnlichen Lichtern über dem Wasser berichtet.
Erzählungen dieser Art gibt es aus verschiedenen Orten rund um Mount Desert Island und die angrenzenden Küstengebiete. Beschrieben werden Lichter, die über dem Wasser schweben, sich ungewöhnlich schnell bewegen, plötzlich verschwinden oder scheinbar wieder auftauchen. Manche Berichte erzählen sogar davon, dass die Lichter ins Wasser verschwunden seien.
Was dahintersteckt, bleibt offen. Mögliche Erklärungen reichen von gewöhnlichen Lichtquellen und optischen Effekten bis hin zu tatsächlich nicht erklärten Beobachtungen. Für die lokale Lore spielt die Erklärung allerdings nur eine untergeordnete Rolle - schließlich ist eine Geschichte interessanter, wenn man nicht ganz sicher weiß, was man gesehen hat.
Die Seeschlange von Mount Desert Island
Auch die Vorstellung eines unbekannten Tieres im Meer gehört zur lokalen Folklore. Über die Jahre wurden immer wieder Geschichten über ungewöhnliche Kreaturen oder schlangenartige Wesen im Wasser erzählt.
Solche Erzählungen werden gelegentlich mit älteren Geschichten über ungewöhnliche Meerestiere in Verbindung gebracht und tauchen auch im Umfeld lokaler Ghost Walks und moderner Cryptid-Erzählungen auf.
Eine eindeutig belegte Sichtung einer unbekannten großen Seeschlange gibt es nicht. Für die Lore der Insel ist die Vorstellung eines Tieres, das irgendwo draußen zwischen den Inseln und Buchten lebt, trotzdem ein schönes Beispiel dafür, wie sich alte Seefahrertraditionen und moderne Cryptid-Geschichten miteinander verbinden können.
Der Geist des Criterion Theatre
Das Criterion Theatre gehört zu den bekanntesten historischen Gebäuden in Downtown Bar Harbor. Das Art-Déco-Theater wurde 1932 eröffnet und war schon während der Prohibitionszeit ein besonderer Ort: Im Keller befand sich eine Speakeasy, zu der ein geheimer Tunnel gehört haben soll.
Kein Wunder also, dass sich auch um das Theater einige Geistergeschichten entwickelt haben. Eine der bekanntesten Figuren ist Roy Blake, der viele Jahre als Vorführer im Criterion arbeitete. Er wurde 1933 als Projectionist eingestellt und blieb dem Theater über Jahrzehnte verbunden.
Der Legende nach soll Roy auch nach seinem Tod im Theater geblieben sein. Besucher berichten von einer dunklen Gestalt auf dem Balkon oder hinter den Fenstern des Vorführraums. Andere erzählen von einer unsichtbaren Hand auf der Schulter oder davon, dass jemand im leeren Theater hinter ihnen zu stehen schien.
Daneben gibt es weitere Geschichten über Erscheinungen im Zuschauerraum und auf der Bühne. Bei manchen Touren wurden Fotos aufgenommen, auf denen angeblich menschliche Gestalten oder ungewöhnliche Lichtphänomene zu erkennen sind. Auch von Stimmen und anderen Geräuschen aus dem Bereich des Balkons wird berichtet.
Was davon tatsächlich etwas Übernatürliches ist, lässt sich natürlich nicht feststellen. Dass Roy Blake tatsächlich viele Jahre im Criterion arbeitete, ist dagegen historisch dokumentiert. Vielleicht ist gerade diese Verbindung zwischen einer realen Person und den später entstandenen Geschichten einer der Gründe, warum die Legende bis heute so gut funktioniert.
Der Coach Stop Inn
Etwas außerhalb des eigentlichen Zentrums von Bar Harbor liegt das Coach Stop Inn an der heutigen State Highway 3. Das Gebäude stammt aus dem frühen 19. Jahrhundert und wurde ursprünglich als Station für Reisende und Postkutschen genutzt. Schon allein seine Geschichte macht es zu einem passenden Ort für lokale Spukgeschichten.
Die bekannteste Erzählung dreht sich um einen Geist, der insbesondere mit dem sogenannten Abbe Room in Verbindung gebracht wird. Gäste sollen dort erlebt haben, dass sich Türen von selbst verriegelten oder Lichter ohne erkennbaren Grund flackerten.
Auch von Kinderstimmen, obwohl sich niemand im betreffenden Bereich befunden haben soll, und von Gegenständen, die ihren Platz verändert hätten, wird berichtet. In einigen Versionen der Geschichte wird die Erscheinung einfach „Abbe“ genannt.
Wie bei vielen Geschichten rund um die alten Gebäude der Region gibt es keine unabhängige Bestätigung für die übernatürlichen Ereignisse. Der historische Hintergrund des Hauses ist dagegen real: Das Gebäude geht auf das Jahr 1804 zurück und war tatsächlich als Coach Stop genutzt worden.
Für die lokale Lore ist das Coach Stop Inn damit ein schönes Beispiel dafür, wie sich die Geschichte eines alten Gebäudes und spätere Spukgeschichten miteinander verbinden können.
Die Geister des Balance Rock Inn
Das Balance Rock Inn liegt am Shore Path und gehört zu den historischen Häusern, die den Charakter der alten Sommerfrische von Bar Harbor bis heute prägen. Das Gebäude wurde 1903 als privates Sommerhaus für den schottischen Eisenbahnmagnaten Alexander Maitland und seine Familie errichtet und später zu einem Hotel umgebaut.
Rund um das alte Haus haben sich im Laufe der Jahre mehrere Geistergeschichten entwickelt. Besonders bekannt sind Erzählungen aus der Zeit, als das Gebäude noch ein privates Familienhaus war.
Eine Geschichte berichtet von einer jungen Frau, die als Kind überzeugt war, dass ihr Schlafzimmer von einem Geist heimgesucht wurde. Eines Tages soll sie den Geist absichtlich provoziert haben. Unmittelbar danach seien ihr angeblich die Füße unter dem Körper weggerissen worden. Ihre Schwester soll außerdem erlebt haben, wie der Geist direkt vor ihrem Gesicht in die Hände klatschte.
Eine weitere Erscheinung soll die Gestalt eines Geistlichen gewesen sein. Der Geist wird als eher ruhige Präsenz beschrieben, die vor allem dann auftauchen soll, wenn es im Haus zu laut wurde.
Besonders eindrücklich ist die Geschichte einer Frau in Kleidung aus dem frühen 20. Jahrhundert. Ein Familienmitglied soll sie eines Tages auf dem Grundstück gesehen haben: eine Frau mit langem Rock und gekräuseltem Haar, die regungslos auf ihn und den Rasenmäher gestarrt habe.
Ob diese Erscheinungen tatsächlich erlebt wurden oder sich die Geschichten im Laufe der Zeit verändert haben, lässt sich nicht feststellen. Die Erzählungen gehören inzwischen jedoch fest zur lokalen Lore rund um das Balance Rock Inn – ebenso wie die vielen Geschichten über die ungewöhnliche Architektur und die verborgenen Winkel des alten Hauses.
Was davon stimmt?
Das lässt sich nicht immer eindeutig beantworten. Einige der Orte und historischen Ereignisse, die hinter den Geschichten stehen, sind gut dokumentiert. Die übernatürlichen Elemente dagegen stammen häufig aus mündlichen Überlieferungen, späteren Veröffentlichungen oder persönlichen Berichten.
Für viele Menschen auf Mount Desert Island gehört genau diese Mischung zum Reiz der lokalen Lore. Man kann die Geschichten für völligen Unsinn halten, ihnen ein bisschen glauben oder einfach Spaß daran haben, sie weiterzuerzählen.
Und vielleicht ist das auch die wichtigste Regel einer guten Geistergeschichte: Man sollte nie ganz sicher sein, ob sie wirklich nur eine Geschichte ist.